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  • Veröffentlicht am 21st Juni 2016

Der Online-Handel und der „Brexit“: Die Risiken offen ansprechen

Der Online-Handel und der „Brexit“: Die Risiken offen ansprechen

Der Online-Handel gehört zu den Erfolgsgeschichten in Großbritannien. Laut dem Centre for Retail Research, lag das Vereinigte Königreich im Jahr 2015 beim Online-Handel in Europa mit 66,26 Milliarden ganz vorn. Für 2016 wird sogar ein Wachstum auf über 76 Milliarden Euro prognostiziert.

Auch international ist der britische E-Commerce Sektor sehr stark. Rund 20 % der Umsätze wurden mit dem Export von Waren gemacht, wovon wiederum die Hälfte auf Exporte in andere EU-Staaten entfiel. Damit liegt der britische Online-Handel, laut dem Global Retail E-mpire Report, weit vor anderen führenden europäischen E-Commerce-Märkten wie Frankreich oder Deutschland. Kurz gesagt: Das Vereinigte Königreich nimmt im Online-Handel die europäische Führungsposition ein. Aber für wie lange noch?

Bisher haben die E-Commerce-Anbieter auf der Insel alle Befürchtungen, die mit einem möglichen Austritt aus der Europäischen Union („Brexit“) nach dem Referendum in dieser Woche Realität werden könnten, einfach beiseitegeschoben. Während der  BDO’s High Street Trackerzeigt, dass der Handel im Vereinigten Königreich bereits unter dem “Financial Winter” leidet, haben die Online-Umsätze im Mai sogar noch einmal um 18,5% zugelegt. Das hat – zumindest teilweise – auch mit der Mitgliedschaft in der EU zu tun.

Die Vorteile der Union

Die Mitgliedschaft in der EU bietet den Zugang zu einem Binnenmarkt mit 500 Millionen Verbrauchern. Und trotz der Schwierigkeiten der letzten Jahre handelt es sich dabei um einen wachsenden Markt. Wenn sich die Geschäfte auf den Märkten von Schwellenländern wie China, Russland und Brasilien abschwächen oder sogar schrumpfen, gewinnt der Zugang zum EU-Markt zunehmend an Bedeutung.

Darüber hinaus bietet die EU den britischen Markenanbietern im Online-Wettbewerb etwas Grundlegendes: Volumen. Unternehmen, die in der digitalen Wirtschaft erfolgreich sind, sind schnellwachsende Firmen – und deren Maßstab ist Kosteneffizienz und Kundenvertrauen. Der uneingeschränkte Zugang zum EU-Binnenmarkt ermöglicht es britischen Unternehmen mit Anbietern aus den USA oder China zu konkurrieren, die üblicherweise eine erheblich größere inländische Kundenbasis haben.

Die EU gewährt britischen Online-Unternehmen außerdem den uneingeschränkten europaweiten Zugriff auf Fachkräfte. Lokales Wissen ist von entscheidender Bedeutung für Online-Händler, die eine Markenposition über Ländergrenzen hinweg aufbauen wollen, denn es sorgt für international koordinierte Strategien und Effizienz. Deshalb wollen viele Unternehmen Führungskräfte mit länderspezifischem Wissen, meistens Einheimische, die aber in der Londoner Zentrale sitzen. Der liberalisierte Arbeitsmarkt innerhalb der EU macht das problemlos möglich.

Alle aufgezählten Vorteile würden aber mit einer Abstimmung für den „Brexit“ in Frage gestellt.

Zunächst einmal würde ein EU-Austritt Kosten verursachen. In Ermangelung eines Handelsabkommens müssten dann Zölle auf Waren abgeführt werden, die an europäische Kunden verkauft werden. Außerdem wäre mit Preisaufschlägen für die Lieferung zu rechnen, weil die Waren den Zoll passieren müssten. Eine erste Auswirkung wäre, dass der Kursverlust des Pfunds, den viele bei einem „Brexit“ voraussagen, britische Exporte zwar verbilligen würde – aber der Einkauf von Waren aus Asien oder aus anderen Ländern und die notwendige Lagerhaltung verteuern würde.

Aber auch bei niedrigen oder keinen Zöllen und Gebühren könnte ein „Brexit“ immer noch zu zusätzlichen Kosten führen, die für preissensible Käufer einen signifikanten Unterschied ausmachen. Auch „weiche“ Handelshemmnisse wie längere Lieferzeiten haben einen erheblichen Einfluss auf den Absatz.

Über EU-Regulierungen ist viel diskutiert worden, aber von den Änderungen bei einem „Brexit“ würden die Online-Händler nicht unbedingt profitieren. Die EU-Binnenmarktvorschriften für digitale Märkte, über die zurzeit beraten wird, sollen beispielsweise den grenzüberschreitenden E-Commerce einfacher gestalten.

Und schließlich wird die Stellung von London als gesamteuropäisches Zentrum für Online-Geschäfte gefährdet, wenn die Arbeitsmarktfreiheiten innerhalb der EU in Frage gestellt und die Unternehmen zu Umstrukturierungen gezwungen werden, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten.

Natürlich muss keines dieser Szenarien eintreten, und viele Online-Händler haben auch ein starkes Exportgeschäft in Nicht-EU-Länder. Hinzu kommt: Wenn Verbraucher im Vereinigten Königreich online einkaufen, dann machen sie dies laut der Interactive Media in Retail Group (IMRG) – dem britischen Branchenverband für E-Commerce – hauptsächlich in den USA, Australien und China. Und auch andere Länder haben gezeigt, dass eine geschickte Einwanderungspolitik innovativen Unternehmen entgegenkommt – man betrachte beispielsweise die digitale Unternehmenslandschaft im US-Bundesstaat Kalifornien. Es ist also durchaus möglich, dass die britische Online-Wirtschaft auch nach einem EU-Austritt weiterwächst und gedeiht.

Unabhängig davon müssen die Risiken einer Entscheidung für den „Brexit“ jedoch wahrgenommen und offen angesprochen werden – und es sieht so aus, dass die Diskussion darüber noch gar nicht richtig begonnen hat.

Das ist nicht unbedingt ein Problem, denn der Vertrag von Lissabon schreibt für Mitgliedsstaaten, die die EU verlassen wollen, eine zweijährige Verhandlungsphase vor, sodass es keine Veränderungen über Nacht geben wird. Sollte also am 23. Juni für den „Brexit“ abgestimmt werden, stehen uns einige aufregende Jahre bevor.

Veröffentlicht von Cassini